Energiepolitisches Leitszenario der SPD: Strom könnte bis 2050 allein aus erneuerbaren Quellen kommen

Veröffentlicht am 21.10.2010 in Landespolitik

Nils Schmid: "Baden-Württemberg hat es selbst in der Hand, schon bald allein auf regenerative Energien als Stromquellen der Zukunft zu setzen"

Thomas Knapp: "Eine Laufzeitverlängerung für die Atomkraft ist Gift für den vollständigen Umbau der Stromversorgung auf erneuerbare Energien"

Die SPD legt als erste Landtagsfraktion ein Energieszenario für Baden-Württem-berg vor, das den Weg beschreibt, wie bis zum Jahr 2050 eine vollständige Stromversorgung aus erneuerbaren Energien erreicht werden kann. Voraussetzung sei aber, dass der Atomausstieg beibehalten wird. "Die SPD zeigt auf, wie der Strom vollständig aus erneuerbaren Energien produziert werden kann und dadurch das Klima geschützt wird", erklärt Nils Schmid, Fraktionsvize und Spitzenkandidat der SPD. Die Sozialdemokraten werden dieses Szenario künftig als Richtschnur ihrer Energiepolitik betrachten.

Dass dieser Kurs dem Wunsch der Bevölkerung entspricht, zeige eine neue, eine Woche alte Umfrage von tns emnid im Auftrag von Greenpeace. Danach erklären 77 Prozent der baden-württembergischen Befragten, dass ihnen eine vollständige Stromversorgung aus erneuerbaren Energien bis zum Jahre 2050 wichtig oder sehr wichtig sei. Zudem glauben 58 Prozent der Befragten aus dem Land, dass dafür keine längere Laufzeit von Atomkraftwerken notwendig sei. "Der Atomfreund Mappus fährt einen Kurs, der nur den Konzernen hilft und vollständig an den Wünschen der Menschen vorbeigeht", erklärt Schmid.

Das SPD-Leitszenario stützt sich auf die aktuellen Annahmen des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) vom Mai dieses Jahres ("100 % Erneuerbare Stromversorgung bis 2050"). Darin werden Kosten und Szenarien benannt, wie eine vollständige Versorgung durch regenerative Energien erreicht werden kann. "Diese Berechnungen zeigen klar auf, dass auch in Baden-Württemberg bis 2050 eine Vollversorgung aus Sonnenkraft, Wind und Biomasse beim Strom zu erreichen wäre", erklärt der energiepolitische Fraktionssprecher Thomas Knapp. Er begrüßt vor allem, dass diese Versorgung ohne wesentlich steigende Stromkosten gegenüber heute möglich sei, wie das Gutachten belegt. Im Gegenzug vermeide die Umstellung die hohen Risiken und absehbaren Preissteigerungen bei Gas, Uran und Öl.

Herausforderung: Speicherung und Netzausgleich

Knapp hält die Speicherung und den Netzausgleich aufgrund stark schwankender Stromerzeugung aus Sonne und Wind für eine besondere Herausforderung. Doch eine stabile und beständige Stromversorgung sei durch einen bundesweiten Netzausgleich mit Norddeutschland (insbesondere Offshore-Windstrom) sowie einigen Nachbarstaaten (Norwegen und Dänemark, Schweiz und Österreich) aber auch mit Nordafrika technisch und wirtschaftlich möglich. Dies und insbesondere der steigende Anteil der offshore-Windenergie erklärt den wachsenden Anteil des "Importstroms", wobei bis 2050 moderne Übertragungsleitungen von Nord- nach Süddeutschland zur Verfügung stehen.

Im Unterschied zu der Entwicklung in Deutschland ist in Baden-Württemberg mit einem höheren Anteil an Strom aus Sonne und Geothermie sowie mit einem durchschnittlichen Anteil an Windstrom zu rechnen. Der Anteil der Stromerzeugung aus Wasserkraft sowie aus Biomasse lässt sich aus ökologischen Gründen nach 2020 nicht mehr wesentlich steigern. Demgegenüber kann die Geothermie, die heute noch mit technischen Problemen und zu geringer Wirtschaftlichkeit kämpfen muss, bis 2050 eine tragende Stütze der Strom- und Wärmeversorgung werden. Nach der Stellungnahme des Sachverständigenrates liefern für den Fall stärkerer Stromnachfrage die Geothermie sowie die Photovoltaik eine höhere Strommenge zur Abdeckung (700 statt 509 TWh für ganz Deutschland).

Das Szenario rechnet damit, dass die im Bau befindlichen Kohlekraftwerke in Mannheim und Karlsruhe bis zum Jahr 2050 noch einsatzfähig wären, falls sie aufgrund schwächerer Entwicklung der Erneuerbaren oder der Speichertechnologie benötigt würden oder auch, falls der Strombedarf höher wäre als angenommen. Sie geben also Versorgungssicherheit (vergleiche beiliegender Anhang 1 und Tabelle).

Laufzeitverlängerung gefährdet den Umbau

Entgegen den Plänen von Schwarz-Gelb wäre eine Stromvollversorgung aus erneuerbaren Energien besser umsetzbar, wenn der rot-grüne Ausstiegspfad für die Atomkraft beibehalten werden würde. Knapp rechnet vor, dass bereits 2020 der Wegfall der drei Atomkraftwerke Philippsburg I und II (KKP I und KKP II) sowie Neckarwestheim I (GKN I) ohne Probleme im Land kompensiert werden könnte. "Die Lichter in Baden-Württemberg bleiben an, auch wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden", unterstreicht Knapp.

Erneuerbare statt Atom: Als Beleg verweist der Energieexperte darauf, dass diese Atommeiler heute noch jährlich 23 TWh Strom herstellen. Das könne aber auch von Wind, Wasser, Sonne und Biomasse geleistet werden, wie der Sachverständigenrat errechnet hat. 15,5 TWh könnten in Baden-Württemberg bis 2020 mithilfe von Windenergie (8,5 TWh), Photovoltaik (3,5 TWh), Biomasse (3 TWh) und Geothermie (0,5 TWh) erzeugt werden. Der Rest lasse sich vor allem durch Stromeinsparung (4,5 TWh) und eine Steigerung der Stromerzeugung aus Kraftwärmekopplungsanlagen (KWK) auf Erdgasbasis (3 TWh) erzielen (vergleiche Anhang 2).

Die Ängste vor einer Stromlücke in Baden-Württemberg sind für den SPD-Fraktionsvize und Spitzenkandidat Schmid deshalb unbegründet. Umso weniger verstehe er, warum die Landesregierung eine mögliche Stromlücke ohne Atomkraft vorhersage: "Mappus schürt mit der Mär einer möglichen Stromlücke die Ängste der Leute, um seine Atompolitik durchsetzen zu können." Anstatt junge Ingenieure, geistreiche Erfinder und couragierte Investoren zu fördern, habe die Landesregierung alles dafür getan, die Aufbruchstimmung und den Erfindergeist der Baden-Württemberger im Energiebereich klein zu halten. Die einzigen Stromproduzenten, die jetzt die von CDU und FDP viel beschworene Atombrücke hin zu den erneuerbaren Energien nützten, seien die Bosse der Atomkonzerne. Alle anderen Stromerzeuger seien zutiefst frustriert. Nun drohe ein Einbruch bei den Investitionen in regenerative Energien und bei der Kraftwärmekoppelung.

Zwischenschritt 2020: Der Atomausstieg steht bevor

Anders als beim Energiekonzept der Landesregierung macht die Atomkraft beim Szenario der SPD im Jahr 2020 lediglich noch 15 Prozent der Stromerzeugung aus. Konkret handele es sich um den Beitrag von Neckarwestheim II (GKN II), das nach dem noch geltenden Fahrplan gegen 2024 vom Netz gehen würde. Das SPD-Szenario sagt für 2020 voraus, dass die Stromversorgung in Land zu 41 Prozent durch Erneuerbare bereit gestellt wird. 33 Prozent steuern effiziente Steinkohlekraftwerke wie die beiden neuen in Karlsruhe und Mannheim bei, 11 Prozent kommen aus Blockheizkraftwerken, die Strom auf Basis von Erdgas und der energetischen Verwertung von Abfall produzieren.

Die Berechnung: Bei den Berechnungen sei die SPD, wie die Landesregierung auch, von einer Eigenproduktion an Strom im Land von 90 Prozent ausgegangen. Außerdem wird angenommen, dass im Jahr 2020 der Gesamtverbrauch an Strom um rund 10 Prozent von 77 TWh auf 69 TWh im Land gesunken ist. Begründet wird dies damit, dass bis dahin viele Stromfresser durch effiziente, moderne Geräte ausgetauscht sein werden (etwa Kühlschränke, Wärmepumpen oder Computer) und der zusätzliche Stromverbrauch durch die Elektromobilität nur eine geringe Rolle spiele.

Ausbau der Windkraft. Die SPD stellt klar, dass der hohe Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von 41 Prozent im Wesentlichen durch einen starken Ausbau der Windkraft in Baden-Württemberg erreichbar ist. Planungshürden und andere Hindernisse, die die Landesregierung trotz hehrer Versprechungen noch immer nicht beseitigt habe, stünden deshalb der Erreichung des Ziels für 2020 im Wege. "Anstatt die Atomkraft zu pushen, wäre es deutlich stärker im Interesse Baden-Württembergs, wenn die Landesregierung ihre Blockade der Windkraft beenden würde", sagt Knapp. Er rechnet vor, dass 900 Anlagen der 5 MW-Klasse, die 9 TWh Strom produzieren, für das SPD-Ziel benötigt würden. Wie realistisch dies sei, zeige sich schon daran, dass in Nordrhein-Westfalen heute bereits dreimal so viele Anlagen stehen.

Weitere Erneuerbare. Auch die Photovoltaik wird in den nächsten fünf Jahren stark zulegen und schon 2020 wesentlich zur Stromversorgung beitragen, ist sich Knapp sicher. Die Entwicklung bei der Biomasse sieht der Energiefachmann ebenfalls positiv, während er beim Ausbau der Wasserkraft nur leichte Zunahmen erwartet. Baden-Württemberg liege hier bereits auf hohem Niveau. Die beiden großen Flüsse Rhein und Neckar seien bei Fertigstellung der bereits geplanten Erweiterungen am Rhein energetisch weitgehend ausgeschöpft. Die Geothermie wird wegen der noch erforderlichen technischen Weiterentwicklung 2020 noch keine große Rolle spielen. Ihr Anteil an der Stromerzeugung bleibt demnach bis dahin bei unter 1 Prozent.

Für Schmid zeigen diese Berechnungen, dass die erneuerbaren Energien bereits kurzfristig ein hohes Potenzial aufwiesen. Demnach sei bis 2020 auch im rot-grünen Ausstiegspfad ohne Atomkraft - bis auf den letzten dann noch laufenden Meiler - die Versorgungssicherheit in Baden-Württemberg gewährleistet. Im Übrigen seien die von der Landesregierung verbreiteten Befürchtungen schon deshalb unrealistisch, da in Europa ein liberalisierter Energiemarkt mit neuen und größeren Stromverbünden entstehe. Dadurch sei Sicherheit gewährleistet. Schmid verwies zudem darauf, dass die erneuerbaren Energien ein großartiger Jobmotor seien. Durch sie biete sich die große Chance, Deutschland als Weltmarktführer für Erneuerbare zu etablieren. Schon heute arbeiteten 340.000 Beschäftigte im Bereich der erneuerbaren Energien. "Falls Schwarz-Gelb die längeren Laufzeiten der Atomkraft durchsetzt, wird ein weiterer Anstieg der Beschäftigung unterbrochen", sagt Schmid. Die SPD sieht diesen Weg aber auch als Friedenspolitik, denn immer mehr bewaffnete Konflikte und Krisen würden sich um Energiequellen und Energiezugang ranken. "Baden-Württemberg hat es selbst in der Hand, schon bald allein auf erneuerbare Energien als Stromquellen der Zukunft setzen zu können", sagt Schmid.

 

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