Podiumsdiskussion: Digitalisierung arbeitnehmerfreundlich gestalten

Veröffentlicht am 13.10.2018 in Kreisverband

Gestalten – das war genau das richtige Stichwort in unserer Überschrift zu dieser Veranstaltung mit unserem Generalsekretär und Netzpolitiker Lars Klingbeil. Das Thema ist spannend und aktuell und so war auch der Saal im Müllheimer Bürgerhaus bestens besetzt.  

Der Vorsitzende des gastgebenden Ortsvereins Markgräflerland Hartmut Hitschler begüßte die Anwesenden und übergab dann an unsere Kreisvorsitzende Birte Könnecke, die die Veranstaltung moderierte. Sie eröffnete die Podiumsdiskussion, zu der wir neben Lars Klingbeil auch Susanne Tröndle (IG Metall-Betriebsrätin bei der SICK AG), Wolfram Seitz-Schüle (Handwerkskammer Freiburg) und Tobias Fuchs (Leiter digitale Transformation und digitale Technologien bei Fa. Hekatron) begrüßen konnten. Fuchs vertrat sehr kompetent Peter Ohmberger, den Geschäftsführer der Fa. Hekatron, der leider kurzfristig verhindert war.

„Entweder wir verändern oder wir werden verändert.“

Schon gleich zu Beginn stellte Lars Klingbeil klar: „Entweder wir verändern oder wir werden verändert.“ Diese Feststellung wiederholte sich in der einen oder anderen Weise immer wieder.  Es ist nicht auszuschließen, dass die Veränderungen werden Jobs kosten und zwar auch recht höher qualifizierte Stellen. Umstritten ist, ob diese Verluste durch neue Jobs ausgeglichen werden können. Vor allem in der nachfolgenden Diskussion wurde dies von einigen Besuchern sehr skeptisch gesehen. Die Podiumsteilnehmer hielten sich hier mit ihrer Einschätzung zurück und sahen das weniger düster. Susanne Tröndle merkte beispielsweise an, dass die Digitalisierung bei der Sick AG schon weit fortgeschritten sei. Viele – nicht alle – Handarbeiten sind bereits an Maschinen abgegeben worden und dennoch sei kein einziger Mitarbeiter deshalb entlassen worden. Insgesamt ändert sich aber auch für die Unternehmer viel und es verschieben sich ganze Wertschöpfungsketten, merkte Seitz-Schüle an. Ein Beispiel: Was früher Zahntechniker in ihren Labors anfertigten, macht heute der Zahnarzt selbst im eigenen Labor. Fuchs und Klingbeil waren sich einig, dass es die gleichen Sorgen auch bei der Industrialisierung gab und heute die Länder, mit der meisten Industrialisierung die niedrigsten Arbeitslosenquoten aufweisen.

Bildung und Weiterbildung sind der Schlüssel

Jobs und Berufe fallen weg, neue Berufe und Arbeitsplätze entstehen. Welche und wie viele, das kann heute niemand vorhersagen. Deshalb ist eine permanente Weiterbildung der Schlüssel für ein Gelingen der Digitalisierung. Lars Klingbeil betont, dass ein Anspruch auf Weiterbildung fest im Parteiprogramm der SPD verankert ist und dass es dazu auch konkrete Initiativen im Koalitionsvertrag gibt. Auch die Gewerkschaften wollen das in den Tarifverträgen verankern. Zusätzlich betonten Fuchs und Tröndle, dass ihre Firmen bereits sehr viel in die innerbetriebliche Fortbildung investieren und in der Weiterbildung und ständigen Qualifizierung der Mitarbeiter eine wichtige Komponente der betrieblichen Führung sehen. Die Führungsebene ist hier in der Pflicht, die Mitarbeiter zielorientiert mit ins Boot zu holen. Es liegt aber auch in der Eigenverantwortung jedes einzelnen, den Anschluss nicht zu verpassen. Für die Handwerkskammer merkte Seitz-Schüle an, dass die duale Ausbildung zwar eigentlich hervorragend für diese Aufgabe geeignet sei, dass die Berufsschulen aber derzeit mit der Mammutaufgabe Integration alleine gelassen werden: „Das Berufsbildungssystem ist sonntags immer Klasse, montags sieht es dann anders aus: Die Berufliche Bildung wird vernachlässigt.“ Allerdings sieht er auch auf Seiten der Betriebe himmelweite Unterschiede. Es gibt noch Betriebe ohne jede Internetnutzung, während bei anderen längst HighTech dominiert. Auch deshalb bietet die Handwerkskammer immer mehr überbetriebliche Ausbildung in eigenen Einrichtungen an. Da sind die Digitalaspekte immer sehr prominent vertreten. 

Flexibles Arbeiten unabhängig von Ort und Zeit

Die Menschen pendeln immer länger zur Arbeit. Lars Klingbeil berichtet von Menschen aus seinem Wahlkreis in Niedersachsen, die jeden Tag morgens und abends jeweils anderthalb Stunden im Elbtunnel verbringen. Bei uns sind das dann z.B. die Schweizpendler. In vielen Bereichen und bei vielen Berufen muss das nicht sein. Viele Aufgabenbereiche könnte man auch im Büro zuhause erledigen. Holland ist da schon weiter, meinte Klingbeil. Dort muss der Arbeitgeber begründen, warum eine Arbeit nicht daheim erledigt werden kann und nicht umgekehrt. Die Homeoffice-Quote liegt deshalb bei unseren Nachbarn bei 50%.
Für die Fa. Hekatron berichtet Fuchs: „Mit Geld können wir heute keinen mehr locken. Das ist alles tariflich geregelt. Die Menschen wollen Flexibilität. Es wird immer wieder gefragt, ob man nicht früher Feierabend machen könne, um zum Beispiel die Kinder aus dem Hort zu holen und dafür dann Abends nochmal zwei Stunden arbeiten kann.“ Die Menschen wollen diese Flexibilität und dann müssen die Firmen auch flexibel sein. Susanne Tröndle berichtet ähnliches aus ihrer Firma. So wünschenswert das sicher ist, es wurde in der Diskussion auch deutlich, dass diese Flexibilität sehr schnell in die Selbstausbeutung auch im Sinne einer ständigen Erreichbarkeit führen kann. Das gilt es zu vermeiden.

Datensicherheit und Datenschutz sind machbar

Dieses Thema beleuchtete Herr Fuchs von Hekatron ausführlich, in dem er die Strategie seiner Firma in dieser Sache darlegte. Die beruht auf drei Stufen: Technik, Organisation und Mensch. Es braucht Server, die auf dem neusten Stand sind, engmaschige Qualitätssicherungsprozesse bei Datensparsamkeit und loyale Mitarbeiter. Auch dieser Punkt zeigt, wie wichtig es ist, auf Mitarbeiter einzugehen, sie wertzuschätzen und weiterzubilden. Da sei Hekatron offensichtlich sehr erfolgreich, merkte Birte Könnecke an, denn schließlich wäre die Firma erst 2017 zum siebten Mal als „Deutschlands Beste Arbeitgeber“ im  „Great Place to Work“- Wettbewerb ausgezeichnet worden.

Deutscher digitaler Rückstand

Jeder weiß es und so war es nicht verwunderlich, dass dieses Thema immer wieder auftauchte. Die Versorgung mit schnellem Netz – egal, ob mobil oder kabelgebunden – ist in Deutschland ausnahmslos schlecht und auf dem Land schier eine Katastrophe. Seitz-Schüle berichtete von einem Metallbauer, der die Daten für seinen Laserschweißroboter per USB-Stick andernorts abholt, weil die Internetverbindung seines Betriebes das nicht schafft. Fuchs berichtet, dass Hekatron gerne seine Server an Ort und Stelle in Sulzburg betreiben würde. Auch dafür reicht die Bandbreite nicht und so wird diese Infrastruktur in der Schweiz zugekauft. Auch das Homeoffice mag eine gute Idee sein, scheitert aber allzu oft am mangelnden Netzausbau. Für die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit ist der Zugang zum schnellen Netz unabdingbar. Lars Klingbeil bestätigte die Probleme. Er merkte aber auch an, dass die Regierung hier viel Geld zur Verfügung stellt. Der zügige Ausbau scheitert aber häufig auch an den fehlenden Tiefbaukapazitäten vor Ort. Dennoch: Es sprach sich für einen Rechtsanspruch aus, denn Internet ist mittlerweile eine essentielle Infrastrukturkomponente. 

Auch die Kommunalpolitik ist gefordert

Nächstes Jahr werden die Gemeinde- und Kreisräte in Baden-Württemberg neu gewählt. Das nahm Birte Könnecke zum Anlass, nach deren Aufgaben für eine erfolgreiche Digitalisierung zu fragen. Auch bei diesem Thema kam natürlich wieder der fehlende Breitbandausbau zur Sprache, wie auch der eingangs erwähnte Gestaltungsauftrag. Die Verwaltungen sollen sich für die Digitalisierung offen zeigen. Dabei könnte ein entsprechender Ausschuss im Kreistag helfen, so Klingbeil. Für Seitz-Schüle ist Kooperation und ein Überwinden des Kirchturmdenkens wichtig. Susanne Tröndle bestätigte dies und verwies auf durchaus erfolgversprechende Modellversuche wie das „Digitale Dorf“.

Chancen und Ängste

Die sich anschließende sehr rege Diskussion griff viele der bereits erwähnten Aspekte aus unterschiedlichen Blickwinkeln wieder auf. Schnell zeigte sich, dass die einen die Betonung eher auf den Gefahren durch die Digitalisierung sehen, während andere die Chancen höher bewerten wollen. Man konnte das gut an den Beiträgen zu den vermutlich vielen wegfallenden Jobs erkennen. Viele sehen das als wichtiges Argument für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Lars Klingbeil sieht das anders und stört sich hier vor allem an dem Begriff "bedingungslos". Er kann sich aber vorstellen, dass es ein „Sozialeinkommen“ geben könnte. Bei weniger Arbeit und geringer Arbeitszeit bekämen das die Menschen, die sich gesellschaftlich und ehrenamtlich einbringen. Auch die Frage der digitalen Rendite wurde diskutiert. Arbeit weniger besteuern, Maschinen mehr – so lautete da ein Vorschlag. Lars Klingbeil sah in dieser Frage noch Diskussionsbedarf und verwies auf das Debattencamp der SPD am 10. und 11. November in Berlin.

Fazit

Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt sind ein Thema, das die Menschen bewegt. Es ist die Aufgabe der Politik, diese Transformation so zu gestalten, dass es für die Menschen einfacher wird. Diese Chance ist da, weil Arbeit mehr und mehr von Ort und Zeit unabhängig wird. Es besteht aber auch die Gefahr, dass die Gräben tiefer werden und Arbeitskonflikte sich verschärfen. Deutschland muss sehr aufpassen, dass es den Anschluss nicht ganz verliert. Wenn man sieht, dass amerikanischen Firmen und der chinesische Staat Milliarden in die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz investieren, dann erkennt man die Peinlichkeit von Andreas Scheuers‘ Funkloch-App, wie Lars Klingbeil die Situation passend zusammenfasste.

Birte Könnecke zeigte sich abschließend beeindruckt und dankbar für die vielen wichtigen Anregungen und Beispiele zu diesem doch sehr komplexen Thema. Sie bedankte sich bei den Podiumsteilnehmern mit einem Strauß verschiedener Teesorten aus dem Schwarzwald.

Oswald Prucker

 

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