FAZ-ArtikeL: Guido Westerwelle: Der Egonaut

Veröffentlicht am 14.03.2010 in Bundespolitik

http://www.faz.net/

Von Volker Zastrow

14. März 2010

Gab es das schon einmal? Vom Amtsbonus des Außenministers profitiert Guido Westerwelle derzeit wahrlich nicht. Dabei galt das bisher wie Naturrecht: Wer die Bundesrepublik im Ausland repräsentiert, gilt auch im eigenen Lande viel.

Selbst auf das Image eines staubtrockenen Bürokraten wie Klaus Kinkel wirkte das AA wie Tollkirschenextrakt, und L-Politiker wie Joschka Fischer wuchsen im Amt mühelos auf XL.

Das beste Beispiel ist eigentlich Genscher, der in Deutschland wie ein Halbgott verehrt wird, obwohl er noch als Innenminister allenfalls im Ruf eines Mannes stand, der Politik als Fortsetzung der Winkeladvokatur mit anderen Mitteln betrachtete. Niemand kann einen Satz von Genscher auswendig wiedergeben, und falls doch, dann war er nicht von Genscher. Aber er war Außenminister, das genügt.

Bei Westerwelle nicht. Gab es das schon einmal? Ja, bei Walter Scheel, vorübergehend. Der hatte 1967, als Oppositionspolitiker, während einer Autofahrt nach Bonn seinen erstaunten Begleitern Willi Weyer und Siegfried Zoglmann eröffnet, dass er plötzlich Außenminister werden wollte. Auf den Einwand, das könne, falls überhaupt, allenfalls der damalige FDP-Vorsitzende Erich Mende schaffen, entgegnete Scheel: „Dann werde ich eben Vorsitzender.“

Nach Machtwechseln gibt es immer Zunder

Also geschah es. Mende landete am Ende bei der CDU, und Scheel wurde Außenamtschef, weil Kurt Georg Kiesinger 1969 zu hochgemut, Willy Brandt aber kalt genug war, es Scheel werden zu lassen. Im neuen Amt fiel Scheel zunächst durch spektakuläre Inkompetenz auf, arbeitete sich dann aber ein - und wurde ja auch bald Bundespräsident, mit noch mehr Amtsbonus.

Nach Machtwechseln gibt es immer Zunder. So, wie seinerzeit Brandt und Scheel unter Beschuss gerieten, ging es 1983 auch Kohl und Genscher, 1998 wiederum Schröder und Fischer, die Anlässe, ob Kießling oder Brioni, finden sich, sie sind oft eher nichtig. Der Wahlkampf lappt sozusagen über in die Legislaturperiode. Dass die neue Bundesregierung unter Beschuss steht, ist also natürlich; schon weil die publizistischen Wahlverlierer sich an ihr abkämpfen.

Darunter könnte man auch die Kritik an Westerwelle subsumieren, zumal da die bevorstehende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sich als Chance anbietet, Schwarz-Gelb gehörig eins auszuwischen. Aber so einfach ist es nicht. Westerwelle ist nicht nur der Sack, auf den eingedroschen wird, um Merkel zu treffen. Die Schläge gelten ihm persönlich. Und die Aggressivität dahinter ist unübersehbar. Sie grenzt an Hass.

Streber, Boss, Bengel

Schon vor der Hartz-IV-Debatte hatte sich das Klima in dieser Hinsicht unter den Berliner Journalisten deutlich gedreht. Westerwelle hatte als neuer Außenminister mancherlei ungute Eindrücke hinterlassen, oft nur durch kleine Gesten, seine - eigentlich altbekannte - nassforsche Art: wie er sich Schriftstücke mit lässig über die Schulter nach hinten gebogener Hand und kahlem Fingerschnipsen von Untergebenen zureichen ließ, wie er zuschnappte, wenn ihm was nicht passte, die quellende Selbstgefälligkeit - ein wie von emotionalen Bildstörungen durchflackertes, ungenaues Image. Streber, Boss, Bengel.

Westerwelle war nie beliebt, er weiß das, und er weiß nicht, warum, it's lonely out in space. Er kann es nicht fühlen, wohl weil er sich selbst so sehr und andere so wenig fühlt, ein Egonaut in der politischen Stratosphäre, aber schon lange weit und nun endlich ganz oben, high as a kite. Der Rocket Man der deutschen Politik, on such a timeless flight.

Das ging nach dem Machtwechsel zunächst vor allem den Journalisten gehörig auf den Geist, weil Westerwelle, der mit fast fünfzig den Warpsprung vom Jungpolitiker in sein erstes öffentliches Amt machte, so weit oben etwas wie eine trotzfreudestrahlende und zugleich eisige Aura umgab. Mars ain't the kind of place to raise your kids, in fact it's cold as hell.

Doch die darauf und daraus folgende erste flache Welle artikulierten Missmuts, noch eher Genörgel als Kritik, begegnete sogleich dem Vorwurf der „Homophobie“: Wer über Westerwelle meckert, tut das, weil er aus verdrängter Homosexualität Schwule hasst, aua, Maul halten, setzen.

Koalition hat historische Chance binnen weniger Monate verspielt

Das hielt, bis in Nordrhein-Westfalen die Umfragen kippten und die künftige Regierungsbeteiligung der FDP fraglich wurde. Maßgeblicher Grund: der katastrophale Fehlstart von Schwarz-Gelb. Das fand nämlich, stärker als bei den meisten früheren Machtwechseln, in der Wirklichkeit statt und nicht nur im Auge böswilliger Betrachter. Die neue Koalition hat ihre historische Chance binnen weniger Monate verspielt, und zwar hauptsächlich durch eine prinzipienlose, die meisten Wähler anwidernde Klientelpolitik, für die vornehmlich die FDP verantwortlich zeichnet. Die einzige freidemokratische Ministerin, die dabei nicht offenkundig mitmachte, Leutheusser-Schnarrenberger, holt es jetzt durch Abarbeiten antikatholischer Obsessionen nach (ihr Hund „Dr. Martin Luther“ ist schon tot).

Eigentlich muss man sich nicht wundern, dass eine Partei, die in der Oppositionszeit, den Westerwelle-Jahren, dazu überging, den Egoismus als Heilslehre zu predigen, sich nun in der Regierung auch dran hält. Aber für die meisten kam es in seiner unverhüllten Schamlosigkeit dann wohl doch überraschend. Trotzdem war Westerwelle unter dem Homophobie-Abwehrschirm selbst dann noch vor Kritik geschützt, als sie von Andreas Pinkwart kam, dem nordrhein-westfälischen FDP-Chef. Erst nachdem Westerwelle wegen des Hartz-IV-Urteils statt auf die Verfassungsrichter auf die Arbeitslosen eindrosch, wendete sich das Blatt.

Westerwelle selbst goss mehrfach Öl ins Feuer

Für manche Beobachter mag es eine lang erwartete Gelegenheit gewesen sein, gestauten Widerwillen auf Westerwelle abzuladen; man kann schon den Eindruck haben, dass sich hier zurückgehaltene Gefühle Bahn brachen. Kubickis Beobachtung trifft wohl zu, dass hier nicht nur der Politiker, sondern der Mensch fertiggemacht werden soll (leider nichts Unübliches). Aber Westerwelle selbst goss mehrfach Öl ins Feuer, ohne Not, so dass sich schon die Frage stellt, ob er - die gefährliche Niederlage in NRW vor Augen - den Zorn Außenstehender auf sich lenkt, um die Partei hinter sich zu zwingen.

Wie viele unterkühlte Charaktere ist er ein ausgezeichneter, meist unterschätzter Machtpolitiker. Gewiss profitierte Westerwelle zunächst vor allem von Möllemann - erst, weil der ihn gegen die Altvorderen förderte, dann, weil die Altvorderen ihn gegen Möllemann einsetzten. Westerwelle hat Möllemanns Sturz knapp überstanden, aber wie das in der Politik so ist: Seither war er unverletzlich. Und erst danach nutzte er auf geschickte Weise seine bis dahin sorgsam verschämte Homosexualität, vor allem, um sein Image Richtung Stoppersocke zu korrigieren.

Wenn jetzt wieder gesagt wird, die jüngsten Vorwürfe gegen ihn, gegen Auftritte mit Schickimicki-Neureichen, die Entwürdigung des Amtes und den Anschein der Begünstigung seines Liebsten, seien - was wohl? - homophob, sollte bitte mit erklärt werden, warum dergleichen niemand beispielsweise Ole von Beust oder Klaus Wowereit vorhält, die zudem anders als Westerwelle aus ihrem Schwulsein nie ein Geheimnis gemacht haben.

Nein, es gibt nicht viele, die Westerwelle mögen, das ist es. Und nur sehr wenige, die sich gern durch ihn repräsentiert sehen. Das ist der Unterschied - till touch-down brings me round again to find I'm not the man they think I am at home: I'm a rocket man.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: David E. Smith

 

Stammtisch

Unser Stammtisch

Soziale Medien

Unterstützen Sie uns bitte!

 

 

Mitmachen

Counter

Besucher:343687
Heute:301
Online:1