Von der Überlastung zurück zum Wesentlichen

Veröffentlicht am 04.05.2022 in Kreisverband

Die Rede unserer Kreisvorsitzenden Birte Könnecke zum diesjährigen Frühjahrsempfang am letzten Samstag im Wirtshaus Perron in Breisach warf einem kritischen Blick auf unsere Wohlstandsmentalität mit fortwährendem Wachstum und der damit verbunden fortwährender Vernichtung unserer Ressourcen. Alles sehr traurig, aber zum Ende gibt es einen positiven Ausblick:

"Es tut mir leid, wenn ich jetzt als Stimmungskiller agiere, aber es wird uns allen schlechter gehen.

Seit den Jahren des Wirtschaftswunders hält sich die Gewissheit, dass wir quasi ein Recht darauf haben, dass es immerzu bergauf geht, der Wohlstand wächst und alles stets im Überfluss vorhanden ist.

Dass dies nicht auf Dauer so bleiben kann, zeigt der Earth Overshoot Day schon seit langem. Also der Tag, an dem die natürlichen Ressourcen der Erde für das laufende Jahr aufgebraucht sind. Insgesamt bräuchte die Menschheit heute schon 1,74 Erden. Wenn alle Menschen so leben würden, wie wir hier in Deutschland, wären es schon 3 ganze Erden. Unser nationaler Erdüberlastungstag ist der 4. Mai. Alles, was wir danach verbrauchen, sind Ressourcen, die die Erde nicht regenerieren kann.

„Immer mehr“ war also schon vor Corona ein Auslaufmodell. Nur dass wir das bislang nicht wahrhaben wollten. Dann kam die Pandemie. Und mit ihr massive Beeinträchtigungen im weltweiten Handel. Hier bei uns wurden die schlimmsten Auswirkungen durch sehr, sehr viel Geld abgefedert. Insbesondere die massive Ausweitung des Kurzarbeitergeldes hat verhindert, dass die Arbeitslosenzahlen durch die Decke gehen. Und auch wenn einzelne Produkte durch unsinniges Hamstern plötzlich knapp wurden (ein Zustand, den viele zum ersten Mal in ihrem Leben erfahren durften), so war doch die Versorgungssicherheit nie in Frage gestellt.

In anderen Ländern sah und sieht dies ganz anders aus. Gerade diejenigen, auf deren Kosten viel von unserem Wohlstand beruht, sind noch tiefer in die Armut gesunken. Laut UNICEF hat die Pandemie weltweit weitere 100 Millionen Kindern in die Armut gestürzt, zusätzlich zu der einen Milliarde, die schon vorher zu wenig Essen, Wasser, Bildung, Unterkunft oder Gesundheitsversorgung hatte. Also nochmals eine Steigerung um 10% von etwas, was es überhaupt nicht geben dürfte.

Wegen Corona-Lockdowns sind zeitweise 1,6 Milliarden Kinder nicht zur Schule gegangen. Dies sind verlorene Jahre, die viele Gesellschaften nicht aufholen können. Die Zahl der Kinder, die arbeiten gehen müssen, steigt kontinuierlich an. Die Welthungerhilfe bezeichnete Corona schon im Jahr 2020 als Brandbeschleuniger für Hunger und Armut weltweit. Viele Jobs sind verloren gegangen, wobei auch hier, wie so oft in Krisen, Frauen überproportional häufig betroffen waren. Und während das ohnehin viel zu geringe Haushaltseinkommen sinkt, steigen die Kosten für Lebensmittel, so dass sich viele Menschen das tägliche Essen schlicht nicht mehr leisten können.

Vielleicht hätte man das alles mit einer globalen Kraftanstrengung noch wieder zumindest auf das vor-Pandemie-Niveau ziehen können. Weit weg von gut, aber raus aus der Abwärtsspirale. Doch dann meinte ein größenwahnsinniger Despot mit Allmachtsphantasien, dass es eine gute Idee sei, seinen friedlichen Nachbarstaat anzugreifen. Das ist zwei Monate her und wir spüren die ersten Auswirkungen. Rasch steigende Inflation, viele Flüchtlinge, wieder einzelne knapp werdende Produkte. Wir müssen uns einschränken und von unserem Luxus abgeben, manche mehr, manche weniger. Ich hab letzte Woche meinen Caddy für 113 Euro vollgetankt, wenn man Sonnenblumenöl in die Pfanne gießt, hat man das Gefühl, eine edle Zutat zu verwenden, meinen Wohnraum teile ich mit drei geflüchteten Ukrainern. Viele Menschen spenden, auch unsere Sammelaktion für die Tafel war wieder sehr erfolgreich und leider auch sehr nötig.

Aber das ist nur Geplätscher. Selbst wenn der Krieg in den nächsten Wochen zu einem Ende kommt, ohne weitere Eskalation, wird eine humanitäre Katastrophe nicht mehr zu verhindern sein. In den letzten 4 Wochen hätten die Felder bestellt werden müssen. Die Ukraine ist einer der größten Weizen-Exporteure weltweit und auch Russland hat seinen Export komplett eingestellt. Beide Länder haben vor diesem sinnlosen Krieg 30 % des weltweiten Bedarfs abgedeckt. Deswegen wird bei uns niemand verhungern. Wir produzieren mehr Weizen, als wir benötigen. Aber 45 afrikanische Länder beziehen ihren Weizen vor allem aus der Ukraine und Russland. Hier ist die Lebensmittelversorgung bereits jetzt massiv gefährdet und das wird sich noch verschärfen.

Wir werden mit weiter steigenden Preisen und einem sehr starken Anstieg von Hungerflüchtlingen rechnen müssen. Um dies zu verhindern, muss die EU einspringen und viel mehr Weizen exportieren. Dies kann nur gelingen, wenn wir aufhören, ihn an Tiere zu verfüttern und somit selber unseren Fleischkonsum stark einschränken. Und das in einer Gesellschaft, die bereits das Tragen einer Maske als nicht-akzeptable Einschränkung ihrer Freiheit ansieht.

Ja, mir macht das große Sorgen. Und ich rede nicht mal davon, was passiert, wenn der Krieg weiter eskaliert. Sondern nur von den Konsequenzen im besten Fall, nämlich einem raschen Ende.

Die Wahl in Frankreich ist gerade noch mal gut ausgegangen. Wie schnell hätte es passieren können, dass die Einheit der EU zerbricht. Und wenn es Macron nicht gelingt, die Gesellschaft zu vereinen, dann kann das in 5 Jahren richtig schief gehen. 44%, die eine Faschistin wählen, die offen sagt, dass sie weniger EU und NATO und mehr Zusammenarbeit, gerade in Sicherheitsfragen, mit Russland haben will. In Interviews sagten viele, sie wollten, dass sich endlich etwas ändert. Leider übersehen sie dabei, wie schnell und wie arg es sich zum Schlimmeren ändern kann.

Auch bei uns macht sich mangelnde Solidarität und fehlende Vernunft allwöchentlich zu Fuß oder neuerdings in Autokorsos bemerkbar. Mit jeder Einschränkung, die uns treffen wird, werden die Rattenfänger, die einfache Lösungen und ein uneingeschränktes Recht auf Konsum und Wohlstand versprechen, mehr Zulauf erhalten. Es wird uns schlechter gehen und das wird zu massiven Problemen führen.

Stimmung am Boden? Gibt es keinen Lichtblick? Doch, den gibt es immer. Jede Krise ist auch eine Chance. Und wir haben jetzt die Chance, die Fehler der letzten Jahrzehnte zu korrigieren. Unsere Prioritäten sind doch schon seit langem die falschen. Immer die aktuellste Mode, das neueste Handy, das größte Auto hat doch niemanden glücklich gemacht. Wir arbeiten zu viel um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen. Und übersehen dabei den Luxus, in dem wir leben. Vielleicht gelingt es uns jetzt, uns wieder auf das wesentliche zu konzentrieren, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Wenn ich meine beiden kleinen ukrainischen Mitbewohner unbeschwert lachen höre, macht mich das glücklicher, als es ein Konsumprodukt jemals könnte."

 

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